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18.08.2009
Doch der Termin war ausgemacht mit Sigrids Tochter, die seit einigen Jahren im südfranzösischen Montpellier an der Mittelmeerküste lebte. Ihr und vor allem auch der Familie ihres Lebenspartners hatten wir Thüringer Rostbratwürste versprochen, bekanntlich eine ganz besondere Leckerei aus mitteldeutschen Gefilden. Karin, also Sigrids Tochter, und Michel, ihr Partner, kosteten solcherart Würste bei ihrem letzten Besuch im Vogtland und … taten sich gütlich daran. So entstand späterhin der Wunsch, bei unserem nächsten Frankreich-Besuch einmal „frisch gestopfte“, wie es heißt, Bratwürste mitzubringen und im lauen Süden des Nachbarlandes beim so genannten „Barbecue“ auf dem von Holzkohle erhitzten Rost zu „grillen“.
Dies nun ist unter normalen Bedingungen kein allzu schweres Unterfangen. Man nehme eine, mit Batteriestrom vom Auto zu betreibende Kühlbox, frisch gefrorene Tiefkühlakkus, lege sie in die Box und fahre los. Doch nein, so einfach ist es nun auch wieder nicht, denn fast hätten wir ja das Wichtigste vergessen- die Bratwürste natürlich. Und schnell dürfte jetzt die Frage entstehen: Wo bekommt ihr im Vogtland eigentlich frische Thüringer Rostbratwürste her? Für uns Tobertitzer ist das glücklicherweise kein allzu großes Problem, da wir vom westsächsischen Standpunkt aus betrachtet gewissermaßen „Randvogtländer“ sind mit nur zwei Kilometern Luftlinienentfernung zur Landesgrenze mit Thüringen und dem dort beginnenden, sinnbildlichen „Bratwurst-Äquator“. Fairerweise sei angefügt, dass die nächste Kühltheke mit echten Thüringer Bratwürsten allerdings erst im zehn Kilometer entfernten Städtchen Gefell steht. Hier, in der Filiale einer nicht weit davon gelegenen Thüringer Landfleischerei, gab es „Frischgestopfte“ von feinster Qualität. Und hier kauften wir an jenem Montagmorgen Ende Mai gegen 9 Uhr früh 15 frische, rohe Thüringer Rostbratwürste, legten sie in die erwähnte Kühlbox und begannen an der Auffahrt Lobenstein unsere viele Stunden dauernde Autobahnfahrt immer in Richtung Süden. Die Sonne strahlte seit früh vom urlaubsblauen Himmel und anfangs waren die Temperaturen ja noch erträglich. Zum Mittag hin wurde es immer heißer, die Sonne brannte unbarmherzig und erst jetzt merkten wir, dass unsere Klimaanlage nicht nur nicht richtig, sondern überhaupt nicht funktionierte. Nahe Bruchsal die zweite Rast und unter sengender Hitze, links mittlerweile den Schwarzwald im Blick, ging es weiter nach Süden in Richtung Freiburg, Offenburg. Ich erzähle das alle so ausführlich wegen der frischen, rohen Bratwürste in unserer Kühlbox, deren Aggregat mit dem Motorengeräusch des kleinen „Clio“ seit Stunden um die Wette brummte. Im Wageninneren herrschten mittlerweile Temperaturen wohl mindestens um die 45 Grad Celsius, das Autothermometer zeigte für außen konstant plus 34 Grad Celsius an. In der Gebrauchsanweisung für unseren transportablen „Kühlschrank“ hatten wir gelesen, dass dieser den Inhalt nur um 20 Grad unter die Umgebungstemperatur herunterkühlt. Na, prost Mahlzeit. In Montpellier freute man sich auf „Frischgestopfte“ und wir ließen sie unterwegs schon mal „vorgaren“. Während der weiteren Fahrt durch die Glut des beginnenden Nachmittags drehten sich fast alle unsere Gedanken nur noch um die Bratwürste. Hier unten im südwestlichsten Zipfel Deutschlands herrschte mittlerweile eine unerträgliche Schwüle, doch abgesehen von ein paar sich zwischendurch gefährlich aufbäumenden Gewitterwolken war ein solches mit eventuell abkühlender Wirkung längst nicht in Sicht. Die Kühlbox brummte und wir vermieden es ganz bewußt, zwischendurch den Deckel anzuheben, um die Innentemperatur zu prüfen. Denn das hätte fatale Folgen haben können. Irgendwie schwand aber trotzdem mit jedem Kilometer die Hoffnung auf eine glückliche Ankunft für unser leckeres Transportgut. Endlich überquerten wir den Rhein bei Moulhouse und nun war es bis zum Übernachtungs-Ort Belfort mit Blick auf die Vogesen nicht mehr weit. Dort quartierten wir uns spätnachmittags ein und versuchten nach einem üppigen Mahl am Abend etwas Schlaf zu finden. Sigrid hatte die Fahrt bis hierher wie immer mit Bravour gemeistert und freute sich ganz besonders aufs Bett. Die Hitze ließ auch am Abend nur wenig nach. Kein Lüftchen ging und das Fenster in unserem Zimmer ließ sich nur gerade Mal einen Spalt breit öffnen, was bei der noch herrschenden Wärme allerdings nicht von Nachteil war. Die Kühlbox hatten wir aus dem Auto mit in unser Zimmer genommen. Kurz vor unserer Abfahrt besorgte Sigrid noch einen Adapter, so dass wir sie über Nacht problemlos an das französische Stromnetz anklemmen konnten. Mit monotonem Brummen erinnerte das Aggregat in der Stille der Nacht an die Geräusche eines kleinen Kraftwerks. Das konnte ja heiter werden. Alle Zimmer um uns herum schienen belegt und das Gebäude ziemlich hellhörig zu sein. Wir berieten noch schnell, was zu sagen wäre, falls sich jemand beschweren sollte. Erschöpft fielen wir schließlich in einen oberflächlichen Schlaf, wofür neben der Hitze auch die Geräusche der Box sorgten. Ein jäher Knall, begleitet von einem scharfen und bedrohlichen Pfeifen und Knistern ließ mich einige Zeit später hochfahren und auf sehr zittrigen Beinen neben dem Bett stehen. Draußen hatten mir Blitz und Donner gleichzeitig zu verstehen gegeben, dass es irgendwo in der Nähe eingeschlagen hatte und dass es jetzt Schluß war mit lustig für den weiteren Verlauf der Nacht. Gewitter bereiteten mir panische Angst, seit ich denken konnte. Ich zog mich an und machte kurzzeitig Licht. Der Strom war nicht weg und das Kühlkraftwerk brummte weiterhin ohne Unterlaß. Meine Frau blinzelte mich verständnislos an, fragte, warum ich angezogen sei, wartete meine Antwort nicht ab und schlief sofort wieder ein. Das Donnern entfernte sich, es begann zu regnen. Etwas misstrauisch, entledigte ich mich wieder meiner Kleider. Ich hatte mich nicht getäuscht. Nur kurze Zeit später knallte es erneut, ich zog mich eilends wieder an und harrte der Dinge, die noch kommen mussten und zuckte bei jedem grellen Blitz, dem harte Schläge folgten, zusammen. Wollte denn das gar kein Ende nehmen? Wahrscheinlich kreiste das Gewitter vor dem Vogesen-Gebirge. Ähnliches kannte ich ja aus meiner Thüringer Heimat. Doch fast vier Stunden Dauer, solch ein Unwetter hatte ich bisher nur selten erlebt. Während die Elemente draußen weiter tobten, blieb der Strom doch zweimal weg. Ganz kurz nur, glücklicherweise, und so bildete das Brummen der Kühlbox bis zum Hellwerden den Begleit-Ton für meine erste, allerdings nur sehr kurze Nacht in Frankreich. Der Morgen war dann Wolkenverhangen und die Feuchtigkeit dampfte. Nachdem wir gut gefrühstückt und unsere Kühlbox wieder im Auto angeschlossen hatten, ging es weiter in Richtung Lyon/ Montpellier. Das Wetter war zwar grau in grau, doch die Temperaturen nun ganz erträglich. Vor der Abfahrt schauten wir dann doch mal kurz in unsere Kühlbox hinein und nickten uns sehr erleichtert zu: Durch die Eisakkus aus dem Tiefkühler zu Hause konnte die Erwärmung wohl doch zusätzlich und sehr wirkungsvoll unterdrückt werden. Die Würste fühlten sich kalt an, so dass wir uns jetzt zusehends entspannten. Bis hinter Lyon blieben die Plusgrade eher verhalten. Weiter südwärts durchs Rhône-Tal nahm die Landschaft mediterrane Züge an und je mehr wir uns dem Mittelmeer näherten, desto kräftiger brannte dann auch die Sonne wieder vom Himmel. Jetzt mussten wir wohl erneut um unsere Bratwürste bangen. Zumal die Eisbeutel nach so langer Zeit vermutlich nur noch kühles Wasser enthielten, wenn überhaupt. In so einem Fall nützte auch mehr Gas geben nichts, denn auf Frankreichs Autobahnen darf man ja höchstens 130 Kilometer pro Stunde fahren. Schließlich erreichten wir am Nachmittag bei ordentlicher Hitze, zwar etwas abgemildert vom kühlenden Mistral, das Ziel unserer Wünsche: Karins neues Zuhause im Dörfchen Maurin bei Montpellier nahe der Mittelmeerküste. Nach der Begrüßung stieg dann die Spannung, der Griff zur Kühlbox erfolgte umgehend und ohne zu Zögern der prüfende Blick hinein. Donnerwetter, das hätten wir doch kaum für möglich gehalten! „Frischgestopfte“ Bratwürste aus dem thüringischen Gefell verbreiteten ihren einzigartigen, würzigen Duft in einer südfranzösischen Küche! Die Hitze hatte ihnen glücklicherweise nichts anhaben können. Geduldig verharrten sie in der kühlenden Finsternis und schienen sich jetzt im hellen Nachmittagslicht zu rekeln nach anderthalb Tagen Dunkelheit. Knapp 1300 Kilometer hatten wir mit ihnen zurückgelegt. Am Abend dann, nachdem ich sie mit dem kleinen Mikael, dem Sohn von Karins Lebensgefährten, gemeinsam brutzelbraun gebraten hatte, war der lange, beschwerliche Weg vom Vogtland über Thüringen nach Südfrankreich noch öfter Gesprächsstoff. Und die Thüringer Rostbratwürste schmeckten allen vorzüglich. Sie waren eben auch für verwöhnte französische Gourmetgaumen ein echter, weit gereister Leckerbissen. (begonnen in Maurin bei Montpellier am . Juni 2009, beendet am 22. Juni 2009 in Tobertitz, Peter Unger)
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